Segler

Drei Schritte zum sicheren Segeln

Wer auf Nord- und Ostsee sicher segeln möchte, sollte drei Dinge tun: sich perfekt vorbereiten, aus gemachten Erfahrungen anderer die richtigen Schlüsse ziehen und von den Profis lernen:

„Gute Seemannschaft ist, wenn nötig im Hafen zu bleiben“

Wer selbst kein Segler ist, würde wahrscheinlich spätestens nach einem Gespräch mit Thomas Baumgärtel einer werden. So anschaulich, wie er das Faszinosum Segeln beschreibt, möchte man eigentlich sofort in See stechen. Im Interview erzählt er, was ihn an seinem Sport so begeistert, aber auch, wie man möglichen Gefahren am besten begegnet.

Herr Baumgärtel, was ist für Sie das Besondere am Segeln, was sind für Sie die schönsten Erlebnisse auf See?
Diesen Sport kann man fast das ganze Leben machen – sobald man laufen und so lange, wie man sich aufrecht halten kann. Und wer einmal einen Sonnenaufgang oder -untergang mitten auf dem Atlantik erlebt hat, weiß, wovon ich spreche. Einfach abschalten, weg vom Alltag, dann kümmert einen auch die Weltpolitik gar nicht mehr.

Verbringen Sie viel Zeit mit Segeln?
Zurzeit eher nicht. Zwar habe ich nach zwei Wochen Dienst an Bord der HERMANN RUDOLF MEYER immer zwei Wochen frei. Momentan aber restauriere ich meine 55 Jahre alte 12-Meter-Holzyacht „Scirocco“. Aber am Wochenende geht es immer wieder raus ins Wattenmeer.

Sie haben durch das Segeln fast die ganze Welt gesehen. Was ist Ihr Lieblingsrevier?
Mit einem komme ich da gar nicht aus. Vor allem aber sind es die friesischen Inseln. Südafrika, die Azoren und Westnorwegen faszinieren mich aber auch sehr.

Müssen sie sich mit ihrer Erfahrung eigentlich noch auf einen Törn besonders vorbereiten?
Bei aller Routine: Eine sorgfältige Vorbereitung ist immer notwendig. Das fängt mit einem sorgfältigen Wettercheck an. Ich muss aber auch die Tideverhältnisse kennen. Was ist ein geeigneter Ausweichhafen? Was kann die Besatzung? Sind Boot und Ausrüstung in einem einwandfreien Zustand? Bei einem fremden Boot kann dieser Check einen ganzen Tag dauern.

Das Boot ist gecheckt, die Mannschaft instruiert. Was kann da noch schiefgehen? Wo sehen Sie in erster Linie Gefahren?
Die größte Gefahr ist die Überschätzung. Skipper trauen sich, der Besatzung und auch dem Boot häufig zu viel zu. Und dann wird zu schnell und zu weit gesegelt. Dafür sind auch die Möglichkeiten durch die elektronische Navigation mit verantwortlich. Ich erlebe auch immer wieder, dass gerade jungen Seglern die Ruhe fehlt. Kleine Schwierigkeiten, vor allem mit der Elektronik, werden gleich als Katastrophe wahrgenommen. Ältere sind da oft gelassener. Aber auch die Seemannschaft lässt bei einigen zu wünschen übrig, da sich heute nur noch wenige die Zeit nehmen, dieses Handwerk gründlich zu erlernen.

Was tun Sie selbst, um Gefahren zu begegnen?
Man muss sich den Respekt vor der See bewahren. Ich bleibe lieber einmal zu oft im Hafen, als mich bei schlechtem Wetter in Gefahr zu begeben. Und Anfänger sollten wissen: Der beste Segelschein nutzt ohne die entsprechende Praxis nichts. Erfahrung ist alles.

Sind Sie selbst schon in Gefahr geraten?
Vor Südafrika sind wir in eine Gewitterfront nach der anderen geraten. Die Blitzeinschläge waren da schon sehr nah. Dort ist das lokale Wetter aber auch sehr wechselhaft, was die Vorhersagen erschwert.

Als Seenotretter mussten Sie bestimmt auch schon mal Segler retten. Was war da die gefährlichste Situation?
Im Seegebiet zwischen Borkum und Juist war eine Yacht in Brand geraten. Innerhalb von zehn Minuten war sie gesunken. Die Juister Kollegen konnten aber alle von Bord retten. Feuer gehört mit zu den größten Gefahren auf einem Schiff. Entgegen der weit verbreiteten Meinung ist dabei Gas sehr selten der Auslöser. Kabelbrände und Spirituskocher sind viel häufiger die Ursache.

Was sind – Ihrer Erfahrung nach – die häufigsten Fehler, die zu einer Notsituation beim Segeln führen können?
Die Menschen geraten zu schnell in Panik. Dagegen kann man sich nur durch gute Vorbereitung schützen. Eine Crew muss sich vor dem Törn Gedanken machen, was beispielsweise bei einem Wassereinbruch zu tun ist oder wer den Feuerlöscher bedient. Wassersportler sollten daher rechtzeitig Checklisten für jeden Notfall erstellen. In der Luftfahrt hat sich das seit Jahrzehnten bewährt. Zudem verlassen Segler im Notfall oft zu früh das Boot.

Welche Ausrüstung ist Ihrer Erfahrung nach besonders anfällig?
Das ist meist die Elektronik. Und das kann gravierende Folgen haben. Denn viele Segler verlassen sich viel zu sehr auf GPS und elektronische Seekarten. Ein aktueller Satz Papierkarten sollte immer an Bord sein. Auch sollte der Standort ohne elektronische Hilfsmittel bestimmt werden können.

Und welche Ausrüstung gehört auf alle Fälle an Bord?
Neben einem Hand-GPS-Sender als Ersatz sind Life-Belt, Rettungsweste und warme Kleidung unerlässlich. Wer friert, trifft falsche Entscheidungen. Notsignale und eine Rettungsinsel sind natürlich ebenso Pflicht.

Was sind für Sie die wichtigsten Regeln, um den Spaß am Segeln wirklich genießen zu können und Notfälle möglichst auszuschließen?
Handele immer mit der Natur, nie gegen sie. Denn sie ist einfach stärker. Jeder sollte sich den Respekt vor der See bewahren. Ein Segler sagte einmal, von zehn Törns sind acht gut, der neunte ist gefährlich und vom zehnten kommt man nicht mehr zurück. Meiner Meinung nach zeigt sich gute Seemannschaft darin, auch bei der zehnten Reise im Hafen zu sein.

thomas baumgaertel

Thomas Baumgärtel (50) ist seit zehn Jahren Seenotretter. Zuvor hat der studierte Feinwerk-Ingenieur als Entwicklungshelfer und als Skipper auf Charterschiffen gearbeitet. Heute arbeitet er als Rettungsmann auf dem Seenotrettungskreuzer HERMANN RUDOLF MEYER, der in Bremerhaven stationiert ist. Sein Wissen gibt Baumgärtel auch als Ausbilder bei den Seenotrettern weiter.

Drei Fragen an den Fachverband

Dr. Germar Brockmeyer ist Leiter der öffentlichen Auftragsverwaltung beim Deutschen Segler-Verband. Er ist für den Bereich Befähigungsnachweise und Ausbildung zuständig und weiß worauf es ankommt, wenn es um Sicherheit und Seemannschaft auf Nord- und Ostsee geht:

Herr Dr. Brockmeyer, wenn es um Sicherheit beim Segeln geht: Was empfehlen Sie?
Segeln ist ein großartiger Sport, wenn man sich der Risiken bewusst ist und sich vorausschauend verhält. Deshalb empfehlen wir jedem Segler, sich immer gut vorzubereiten. Und zu einer guten Vorbereitung gehört nicht nur eine adäquate Bootsausrüstung, sondern auch, sich aktiv mit dem Revier und mit möglichen Gefahren auseinanderzusetzen.

Gibt es auf der anderen Seite auch etwas, das Sie nicht empfehlen?
Man sollte die Naturgewalten nie unter- und die eigenen Fähigkeiten nie überschätzen. Auch auf dem Wasser sollte sich jeder so verhalten, dass man andere und sich selbst nicht in Gefahr bringt. Gegenseitige Rücksichtnahme ist unverzichtbar.

Und: Wo würden Sie weitere Informationen zum Thema Sicherheit beim Segen einholen?
Die kostenlose Broschüre „Sicherheit auf dem Wasser“ des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur www.bmvi.de hilft, Gefahrensituationen zu vermeiden und gibt wichtige Tipps für eine gute Vorbereitung. Praktische Erfahrung können Interessierte bei einem Sicherheitstraining machen, das unsere Kreuzer-Abteilung anbietet. In den mehrmals jährlich stattfindenden Wochenendkursen werden viele Erfahrungen und viel Wissen für den Extremfall vermittelt.