Seekajak­fahrer

Drei Schritte zum sicheren Seekajakfahren

Wer sich auf Nord- und Ostsee sicher bewegen will, sollte drei Dinge tun: sich perfekt vorbereiten, aus gemachten Erfahrungen anderer die richtigen Schlüsse ziehen und von den Profis lernen:

„Wenn dein Kopf im dunklen Wasser hängt …“

Ralf Brinker ist ein Seemann, wie er im Buche steht: Kapitän, Seenotretter, geradeaus, humorvoll. Und ja, einen grauen Bart trägt er auch. Dazu hat er einige Erfahrung als Seekajakfahrer, nicht beruflich, sondern als Wassersportler. Auf die Frage, was die gefährlichsten Fehler auf dem Wasser sind, hat er eine kurze, trockene Antwort: „Erstens: sich selbst zu überschätzen. Und zweitens: das Meer zu unterschätzen.“

Der Weg zum Seekajak war für Brinker kein geradliniger. „Meine Eltern haben mich zwar schon im Kinderwagen ins Boot gesetzt, aber das Wasserwandern und ich sind später trotz eines eigenen Kajaks keine Freunde geworden“, erzählt er. „Sehr schnelle Motorboote, das war als Erwachsener schon eher meine Sache“, sagt er schmunzelnd und das Wort „rasen“ fällt dann auch.

Der Weg zum Wasserwandern
Bis eines Tages sein Sohn vom Opa zum Kajakfahren überredet wurde. Der Großvater hatte dann aber nicht so viel Zeit, wie sie nötig gewesen wäre. So machte sich Ralf Brinker mit seinem Sohn zum Wasserwandern auf. „Plötzlich“, lacht Brinker, „sahen Wasser und Ufer beim langsamen Wasserwandern ganz anderes aus. Dazu konnten wir uns beim Paddeln viel in Ruhe unterhalten.“ Kurz, die gemeinsame Liebe zum Wasserwandern war geboren. Darunter hat die Vernunft nicht gelitten: „Wir haben auch eine Tour in Dänemark mittendrin abgebrochen, weil der Wind zu stark war und Gewitter drohte. Dann muss man eben einfach aufhören, auch wenn es bitter ist.“

Die eigenen Fähigkeiten richtig einschätzen
Die Kajakreviere von Brinker senior und Brinker junior waren vor allem die Ostsee, die Küsten von Dänemark aber auch Norwegens Fjorde. Die Nordsee nicht? „Nein“, sagt Ralf Brinker, „vor der habe ich zu viel Respekt und das hat auch mit meiner Arbeit als Vormann bei den Seenotrettern zu tun.“ Die Gründe sind vielfältig: Tide und Wetter sind dabei die wichtigsten. Dabei sagt er, brauche man seine Berufserfahrung gar nicht: „Ich kann nur jedem empfehlen, sich mal mit seinem Kajak in ein strömendes Binnengewässer zu setzen, gegen die Strömung zu paddeln und zu messen, wie weit man da kommt. Das Ergebnis ist bei den meisten ernüchternd.“ Selbstverständlich gibt es auch die anderen, die 80 Kilometer am Stück auf See paddeln können: „Das Seekajak ist, wenn man es wirklich beherrscht, ein richtig gutes Seeschiff. Ich beherrsche es allerdings nicht in der Form und darum meide ich auch die offene Nordsee.“

Und, hat er noch einen Tipp zur Sicherheit? „Ja, den habe ich mal von einem sehr erfahrenen Seekajakfahrer bekommen. Er hat am Beginn jeder Tour eine Eskimorolle im noch ruhigen Wasser gemacht, weil das eine Bewegung ist, die intuitiv kommen muss. Wenn dein Kopf im dunklen Wasser hängt, dann ist keine Zeit darüber nachzudenken, welche Bewegung man jetzt machen muss.“

Ralf Brinker ist Kapitän und erster Vormann der Seenotretter auf Borkum. Der vierfache Familienvater lebt in Moormerland. Der 51jährige ist seit gut einem Vierteljahrhundert bei den Seenotrettern.

Drei Fragen an den Fachverband

Gero Dittmer ist 1. Vorsitzender bei der Salzwasser Union – Verband der Seekajakfahrer e.V. und weiß worauf es ankommt, wenn es um Sicherheit auf Nord- und Ostsee geht:

Herr Dittmer, wenn es um Sicherheit beim Fahren mit dem Seekajak geht: Was empfehlen Sie?
Eine gute Ausbildung und die richtige Ausrüstung sind die wichtigsten Voraussetzungen, um diese Sportart gefahrlos genießen zu können. Wer sich aufs Meer begibt, muss beispielsweise Techniken wie das „Stützen“ oder den Wiedereinstieg wirklich sicher beherrschen.

Gibt es auf der anderen Seite auch etwas, das Sie nicht empfehlen?
Das größte Risiko ist die Alleinfahrt oder wenn eine Gruppe auseinandergerissen wird. Nur im Team könnten bedrohliche Situationen gemeistert werden. Anfänger und noch nicht so Fortgeschrittene sollten stürmisches Wetter meiden. Dazu ist, wie so oft im Leben, der Hinweis wichtig, die eigenen Kräfte – zum Beispiel beim Fahren gegen den Wind – realistisch einzuschätzen.

Und: Wo würden Sie weitere Informationen zum Thema Sicherheit mit dem Seekajak einholen?
Ich empfehle vor allem dringend eine entsprechende Ausbildung, so wie wir sie anbieten, zu absolvieren. Dabei ist es das wichtigste Ziel, die speziellen Gefahren des Seekajakfahrens richtig einschätzen und meistern zu lernen. Dazu vermitteln wir die notwendige nautische Kompetenz, Paddel- und Rettungstechniken, Wetterkunde, Verkehrsrecht und Navigation. Neben Kursen zur Erlangung des A-Scheins als Nachweis der Seebefähigung werden auch besondere regionale Sicherheits- und Techniktrainings (RSTT) angeboten. Dort lernen die Teilnehmer auch, welche Sicherheitsausrüstung unbedingt erforderlich ist.

Drei Fragen an den Fachverband

Lars Everding ist Küstenreferent im Ressort Ausbildung und Kanulehrer des Deutschen Kanu-Verbands sowie Ausbilder der Salzwasser Union und gibt ebenfalls wichtige Sicherheitstipps:

Herr Everding, wenn es um Sicherheit beim Fahren mit dem Seekajak geht: Was empfehlen Sie?
Sicherheit auf See beginnt mit einem guten Risikomanagement. Dabei ist die Prävention enorm wichtig und diese fängt schon bei der Planung an. Neben den obligatorischen Checklisten und Protokollen zur strukturierten Planung gilt es, im zeitlichen Kontext betrachtet, drei Planungsebenen zu beachten.

In der ersten Ebene geht um meine Person und meine Ausrüstung.
Dazu stelle ich mir folgende Fragen, die natürlich hier nur einen verkürzten Auszug ohne Anspruch auf Vollständigkeit darstellen:
Habe ich mich selber gut vorbereitet?
Passen meine paddlerischen Kompetenzen, meine Kenntnisse und Fertigkeiten sowohl in der Praxis wie auch in der Theorie zu den geplanten Herausforderungen?
Ist meine Ausrüstung vollständig und hat sich diese schon einmal in der Praxis bewährt?
Bin ich physisch ausreichend in Form und mental ausgeglichen?

Die zweite Ebene betrifft die Tourenplanung an sich:
Ist die geplante Tour so zu realisieren?
Habe ich zu allen nötigen Informationen Zugriff?
Wie sind die navigatorischen und meteorologischen Bedingungen?
Fahre ich in einer Gruppe?
Sind meine Partner mir bekannt und kann ich mich auf sie und ihre Fähigkeiten verlassen?

Die dritte Ebene ist dann vor Ort die letzte Entscheidungsebene:
Stimmen die konkreten Bedingungen mit meiner Planung überein?
Wie sind die konkreten Wetterbedingungen vor Ort, gibt es gruppendynamische Aspekte zu beachten?

Wenn ich in allen Planungsbereichen im „grünen Bereich“ bin und mein Kopf und Bauch im Einklang sind, sollte einer sicheren und erlebnisreichen Seekajaktour nichts mehr im Wege stehen.

Gibt es auf der anderen Seite auch etwas, das Sie nicht empfehlen?
In der Antwort der vorherigen Frage wurde deutlich, dass es gerade im Bereich des Seekajakfahrens schon einer gewissen Grundkompetenz bedarf, um sicher und mit Freude paddeln zu können. Diese geht weit über die eigentlichen Paddelfähigkeiten hinaus. Berücksichtigt man neben den Sicherheitsaspekten noch das notwendige ökologische und natursensible Verhalten, sollte man nicht ohne gründliche Vorbereitung aufs Wasser gehen. Dafür gibt es ganz spezielle Kurse und Schulungen, die man zur Vorbereitung nutzen kann.

Und: Wo würden Sie weitere Informationen zum Thema Sicherheit mit dem Seekajak einholen?
Sicherheit ist das zentrale Thema im Bereich der Seekajakausbildung. Deshalb ist es sehr zu empfehlen, Kontakt zu einer der großen Ausbildungsorganisationen aufzunehmen. Dazu gehört der Deutsche Kanuverband mit seinen Landesverbänden ebenso wie die Salzwasser Union. Beide bieten im Bereich der Seekajakspezialisierung Sicherheits- und Technikkurse an. Hierüber kann man dann aufeinander aufbauende Ausbildungsqualifikationen erwerben, wie z.B. den Europäischen Paddelpass (EPP) der international gültig ist. Ebenso gibt es die Möglichkeit nach der Grundlagenausbildung an geführten Fahrten mit unterschiedlichen Anforderungsprofilen teilzunehmen. Auch vor Ort in den Küstenregionen gibt es touristische kommerzielle Unternehmen, die im küstennahen Erlebnisbereich geführte Fahrten anbieten. Hier sollte man aber unbedingt darauf achten, dass es sich um einen lizensierten Anbieter handelt.