Interview SEENOTLEITUNG
Notfall

Hilfe im Notfall – an deutschen Küsten und auf der ganzen Welt

Dirk Stommel

Was passiert, wenn ein Notruf bei den Seenotrettern eingeht? Warum wirken die Seenotretter für Außenstehende in schwierigsten Situationen so abgeklärt? Und wer arbeitet eigentlich in der SEENOTLEITUNG (MRCC)? Fragen, die von den Besuchern bei Besichtigungen der Zentrale der Seenotretter an der Werderstraße in der Bremer Neustadt häufig gestellt werden. Der, der sie am besten beantworten kann ist Kapitän Dirk Hinners-Stommel. Er arbeitet seit 1993 bei den Seenotrettern und leitet seit 2005 die SEENOTLEITUNG BREMEN.

 

Herr Hinners-Stommel, wer arbeitet eigentlich in der SEENOTLEITUNG?
Das sind 21 erfahrene Nautiker und Funker, die in Schichten 24 Stunden am Tag und an 365 Tagen im Jahr im Einsatz sind. Dabei führen sie nicht nur unsere eigenen Rettungseinheiten, sondern leiten zugleich auch die national zuständige Koordinierungsstelle für alle Maßnahmen des maritimen Such- und Rettungsdienstes in den deutschen Gebieten von Nord- und Ostsee.

Und um wie viele Einsätze kümmern sich Ihre Mitarbeiter zwischen Januar und Dezember?
Das schwankt selbstverständlich von Jahr zu Jahr, aber mehr als 2.000 sind es immer. Also haben unsere 60 Seenotrettungskreuzer und -boote auf den 54 Stationen gut zu tun. Dazu gehören auch zwischen 200 und 300 Einsätze, die nicht an Nord-und Ostseeküste, sondern anderswo auf der Welt geschehen. Die betroffenen Besatzungen melden sich bei uns und wir stellen dann den Kontakt zum regional zuständigen Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) her.

Von Wassersportlern, die auf See verfolgen, wie BREMEN RESCUE RADIO Notrufe von Wassersportlern abwickelt, kommt oft die Frage, warum es manchmal etwas dauert, bis eine Antwort gesendet wird?
Das hat unterschiedliche Ursachen. Bereits beim Eingang wird eine Bewertung des Notrufs vorgenommen. Dazu gehört, dass die Position festgestellt werden muss, dann werden die Station oder die Stationen bestimmt, die zu Hilfe kommen und die entsprechende Rettungseinheit wird alarmiert. Wenn das erfolgt ist, wird wieder der Kontakt mit den in Not Geratenen aufgenommen und sie werden unterrichtet, dass wir unterwegs sind. Dazu gibt es aber auch immer wieder parallele Einsätze. Dann ist es unsere Aufgabe zu entscheiden, welcher Fall die höhere Priorität hat.

Andere fragen, warum auf See häufig BREMEN RESCUE RADIO zu hören ist, aber nicht der Havarist? Und das, obwohl der „Mithörer“ der Unglücksposition viel näher zu sein scheint?
Das hat einen ganz einfachen technischen Grund. Wir betreiben an Nord- und Ostseeküste 20 Funkstellen parallel und decken so ein sehr weites Gebiet ab. Diese Funkstellen sind an Standorten errichtet, an denen große Antennenhöhen realisiert werden können (bis 60 Meter und mehr über Normalnull). Entsprechend gut sind auch die Ausstrahlung und der Empfang. Die Havaristen haben zumeist im Vergleich eine geringe Antennenhöhe und entsprechend gering ist die Ausbreitung.

Eine weitere Frage, die den Funkverkehr mit BREMEN RESCUE RADIO betrifft, ist die nach dem korrekt durchgeführten Notruf, wie er in der Vorbereitung und Prüfung zum Sprechfunkzeugnis beigebracht wird. Wie reagieren die Mitarbeiter in der SEENOTLEITUNG (MRCC), wenn die Form nicht eingehalten wird?
Menschen, die einen Notruf senden, befinden sich oft in einer extremen Stresssituation. Da kann es selbstverständlich vorkommen, dass nicht alles gleich so mittgeteilt wird, wie es vorgesehen ist – auch wenn das an sich sehr sinnvoll ist. Wissen müssen wir auf jeden Fall drei Dinge: Wie ist die Position? Was ist passiert? Wie viele Personen sind betroffen?

Stichwort „Stress“. Eine Beobachtung, die häufig zu Fragen führt, ist die nach der scheinbaren Abgeklärtheit, mit der Notrufe entgegengenommen und bearbeitet werden?
Wir bearbeiten eingehende Notrufe tatsächlich mit großer Ruhe und Konzentration. Das hat zwei Gründe: Zum einen führt Hektik zu Fehlern und zum anderen überträgt sich die Ruhe auch auf die Besatzung des Havaristen.

Was macht einen Notruf eigentlich zum Notruf? Oder anders gefragt: Wann wird es ernst?
Ein Notfall liegt vor, wenn der Schiffsführer das entscheidet. In diesem Zusammenhang würde ich gerne noch einmal deutlich machen, dass es sehr wichtig ist, uns rechtzeitig Bescheid zu geben, auch wenn die Situation vielleicht noch gar nicht dramatisch ist. Wenn es dann ernster werden sollte, haben wir bereits wichtige Daten gesammelt und können umso schneller handeln. Wenn dann doch kein Einsatz notwendig wird, umso besser. Niemand nimmt es dem Schiffsführer übel, dass er sich scheinbar „umsonst“ bei uns gemeldet hat – ganz im Gegenteil. Wichtig ist natürlich, die SEENOTLEITUNG zu informieren, dass der Notfall aufgehoben ist.

Haben Sie im Lauf der vielen Jahre in der SEENOTLEITUNG (MRCC) eigentlich so etwas wie Trends feststellen können?
Ja, das kann man so sagen. Zu Beginn der 90er Jahre sind wir sehr vielen Windsurfern zu Hilfe gekommen. Dann kam das Kitesurfen in Mode und damit stieg auch hier Zahl der Fälle, bei denen es zu Notsituationen kam. Bei den Anglern folgten dann die Bellyboote. Sie sind eine Kombination aus Wathose und kleinem Schlauchboot, die sehr schnell abtreiben können. Dabei muss man aber eines bedenken: Es ist nur ein kleiner Teil der Wassersportler, der in Not gerät. Von unseren 2.000 Einsätzen pro Jahr fahren wir etwa die Hälfte für Wassersportler. Jahr für Jahr sind allerdings auch mehr als 100.000 Sportboote auf Nord- und Ostsee unterwegs.

Zwar arbeiten 800 der rund 1.000 Seenotretter in Deutschland ehrenamtlich, aber dennoch kostet dieses dichte und zuverlässige Netz zur Hilfe sicher viel Geld?
Ja und dieses Netz ist ausschließlich durch Spenden finanziert – ganz ohne Hilfe des Staates. Nun kann man die Frage stellen, warum wir auch gar keine staatlichen Zuschüsse wollen? Unser Ziel ist die Rettung von Menschen aus Seenot. Dabei wollen wir uns die Freiheit von staatlichem und politischem Einfluss bewahren. Deshalb schützen wir unsere finanzielle Unabhängigkeit und pflegen seit 1865 unsere ehrenamtliche Tradition.

Ein paar Tipps in Sachen Sicherheit zum Schluss?
Ja: Bitte denken Sie an die Rettungsweste! Gerade wenn das Wetter gut ist und die Sonne lacht und scheinbar nichts passieren kann. Bei schlechtem Wetter gehört außerdem immer die Lifeline dazu.

Dazu noch eine Bitte an die Surfer, Kiter und Kajakfahrer: Kennzeichnen Sie Ihr Material, am besten mit unseren Stickern. Das ermöglicht uns Kontakt zu Ihnen aufzunehmen, wenn Ihr Material gefunden wurde. Dazu führen wir eine Lost & Found-Liste. Das heißt, wir nehmen die Meldungen von Wassersportlern auf, die Material auf See verloren haben, wie zum Beispiel ein Kite. Gleichzeitig gehen wir Hinweisen über Fundstücke nach, also zum Beispiel einem Board, das am Ufer gefunden wurde. Wir können mit dieser Liste abgleichen, ob vielleicht ein Wassersportler verunglückt ist und noch auf dem Meer treibt oder ob er sein Material bereits als verloren gemeldet hat. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne noch einmal alle Menschen auffordern sich zu melden, wenn sie Equipment von Wassersportlern auf See oder am Ufer finden. Das kann Menschenleben retten. Dazu müssen Sie nur die +49 421 53 68 70 wählen …

Zu Besuch bei den Seenotrettern

Sie können die Zentrale der Seenotretter besichtigen – inklusive einer Ausstellung und einem Besuch von „Bremens kleinstem Kino“ mit Filmen über die Arbeit der Seenotretter. Aber: Das eigentliche MRCC kann zumeist nicht besucht werden.

Sprechen Sie uns einfach an:

Thorsten Neumann & Andrea Jahn
E-Mail: eventteam@seenotretter.de
Telefon: 0421 53 707 – 665
oder
Telefon: 0421 53 707 – 534