Niemals alleine aufs Wasser gehen

Sven ist ein erfahrener Kitesurfer. Seit sechs Jahren ist er regelmäßig auf Sylt und kennt das dortige Revier aus dem Effeff. Dennoch ist er im Sommer 2017 in eine sehr gefährliche Situation geraten, die ihm fast zum Verhängnis geworden wäre. „Selbst mit viel Erfahrung und Ortskenntnis bleibt es ein gefährlicher Sport, wenn man sich überschätzt“, gesteht er nach der Erfahrung selbst ein.

Die Windprognosen für meinen ersten Urlaubstag auf Sylt waren optimal: 30 Knoten (rund 56 km/h). Pünktlich um sieben Uhr kam der Wind von Sideshore. Ich bin dann mit meinem acht Quadratmeter Kite raus in die Brandung. Seit etwa sechs Jahren kite ich dort regelmäßig und kenne das Revier. Durch den seitlichen Wind musste ich immer sehr weit rausfahren, um Höhe zu laufen und gegen die Strömung zu kreuzen.

Dann wurde den Wind plötzlich böiger – er frischte auf 35 Knoten auf. Mein Kite klappte wie ein Papiertaschentuch zusammen. Er fiel vom Himmel. Beim Runterfallen verhedderte sich das Kite in den Schnüren. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, es erneut zu starten.

„Ist das meine letzte Kite-Session“

Bei der Windstärke zog mich das Kite wie ein Banana-Boot hinter sich her. Das Board war weg und ich wurde unter Wasser gezogen, sodass ich nur noch wenig Luft bekam. Ich tat das, was ich gelernt hatte: „Die Safety an der Bar auslösen“, um das Kite vom Trapez zu lösen. Panik stieg in mir auf: Aufgrund des enormen Zugs vom Kite, funktionierte es nicht. Egal, wie fest ich drückte. Der Grund: Wegen einer fehlerhaften Konstruktion, hatte sich die Bar verklemmt. Nach einigen Litern geschlucktem Salzwasser und einem abgebrochenen Fingernagel löste sich die Safety dann doch noch.

Da ich aber vor dem Start die Leash an der Rückseite des Trapez‘ befestigt hatte, zog mit das Kite nun rückwärts durch die Wellen. Dadurch war es für mich sehr schwierig, auch noch die Leash zu lösen. Nach einer Weile gelang es mir endlich: Das Kite war endgültig frei war und flog in Richtung England weiter.

Zum Glück trug ich wie immer eine Prallweste, die es mir ermöglichte, ohne Schwimmbewegungen auf dem Wasser zu treiben und mich ein paar Minuten von dem Schrecken zu erholen. Endlich wieder in Ruhe Luft holen. Zwischenzeitlich wurde mir sogar schwarz vor Augen und ich dachte: „Das ist meine letzte Kite-Session auf der Nordsee.“

Krämpfe in Armen und Beinen

Als ich wieder zum Ufer blickte, war ich inzwischen 300 Meter weit entfernt – bei hohem Wellengang und seitlicher Strömung. Am Strand gab es zu dieser frühen Stunde weit und breit keinen Menschen, der mich hätte sehen können. Es blieb mir nichts anderes übrig, als diagonal mit der Strömung in Richtung Ufer zu schwimmen – irgendwann würde ich dort wohl ankommen.

Nach etwa 30 Minuten erkannte ich Blaulicht am Strand – die örtliche Feuerwehr war unterwegs. Irgendjemand hatte mich also doch gesehen. Nur: Die Feuerwehr nützte mir nichts, da ich immer noch allein im Wasser umhertrieb.

Nach weiteren etwa 30 Minuten mit starken Krämpfen in Armen und Beinen erreichte ich endlich das Ufer. Die Feuerwehr hatte sich zu allem Unglück im Sand festgefahren und kam nicht mehr zu dem Strandabschnitt, an dem ich lag. Also lief ich mit meinen letzten Kräften dorthin, um mich dafür zu bedanken, dass sie mir helfen wollten. Aber ohne Jetski oder Rettungsboot kann einem dort niemand helfen. Ich war froh, diesen Unfall überlebt zu haben.

Die Polizei kam auch noch, um mich zu befragen. Denen gab ich eine Beschreibung meines Equipments, damit bei einem Fund nicht die Suche nach einem verunglückten Kiter losgeht. Drei Tage später ist mein Board wieder gefunden worden. Dieses tauschte ich dann gegen eine Flasche Barbados Rum. Das verlorene Kite bestellte ich am selben Tag neu im Internet.

Mein Fazit für alle Kiter

  • Gehe niemals alleine aufs Wasser, habe zumindest einen Menschen am Ufer, der auf Dich aufpasst.
  • Gehe bei zu starkem und böigem Wind nicht aufs Wasser – schon gar nicht bei Sideshore und Strömung. Es ist es einfach nicht Wert, für ein bisschen Spaß sein Leben zu riskieren.
  • Teste alle Safety-Einrichtung regelmäßig auf ihre Funktionen.
  • Befestige die Leash immer vorne am Trapez in Reichweite Deiner Hände.
  • Nimm immer ein Leinenmesser mit, um auch per Hand die Leinen zerschneiden zu können, wenn diese an dir ziehen.
  • Winkle Deine Beine 90 Grad an, wenn Du hinter Deinem Kite hergezogen wirst, damit Dein Kopf aus dem Wasser rauskommt.
  • Gehe niemals ohne Prallweste als Schwimmhilfe raus, denn Du weißt nie, wie lange Du schwimmen musst.
  • Benutze die kostenlosen Sticker der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, um Dein Equipment zu kennzeichnen.
  • Trainiere Deine körperliche Fitness, um auch in extremen Situationen die nötige Kraft zu haben, die ganze Strecke alleine zu schwimmen.
  • Gerate nicht in Panik, sondern vertraue auf Dich.
  • Die Seenotretter sind wichtig, aber vielleicht nicht rechtzeitig am Unfallort.
  • Selbst mit viel Erfahrung und Ortskenntnis bleibt es ein gefährlicher Sport, wenn man sich überschätzt.

Hang Loose von der Nordsee

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